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Lebendige Relikte

31.01.2007

Im Zuge des Strukturwandels wird gerne der Abgesang auf die so genannte Old Economy angestimmt. Dass traditionelle Branchen aber durchaus noch eine wichtige Rolle spielen können, beweisen die Stahlunternehmen im Saarland.

Wenn die mächtige Euro-Rakete in Kourou in Französisch-Guyana mit donnernden Raketenmotoren vom Startgerüst abhebt, fliegt Stahl aus dem Saarland mit. Aus der Schmiede der Völklinger Saarstahl AG stammen die Vorprodukte für die Bauteile der außen angebrachten Zusatztanks. In kritischen Momenten müssen diese Ringe Höchstbelastungen aushalten. Ganz stark sind die Völklinger aber auch im Automobilgeschäft tätig - und zwar mit einem Anteil von rund 60 Prozent des Edelstahl- und gehobenen Qualitätsstahlprogramms. Spitzendraht-Güten für die Herstellung des Drahtcords in den Reifen verlassen die Werkshallen, dazu Automatenstähle für den Maschinenbau oder Halbzeug für Schmieden. In den Bosch-Common-Rail-Dieselprodukten aus dem großen Werk des schwäbischen Auto-Zulieferers im saarländischen Homburg steckt hochwertiger Stahl aus Völklingen. Höchstleistung aus saarländischer Technologie treibt somit die Motoren mit an.

Schauplatzwechsel: Im zweithöchsten Bauwerk der Welt, dem im Bau befindlichen Shanghai World Financial Center mit einer Höhe von 402 Metern und 101 Stockwerken, werden rund 23.000 Tonnen saarländischer Grobblech-Stähle der AG der Dillinger Hüttenwerke verwendet. Sie sorgen für die Stabilität der vier mächtigen Eckstützen. Ob im Maschinenbau, in Gas- und Ölpipelines, in Offshore-Plattformen, Baumaschinen oder im Stahl- und Schiffbau - die High-Tech-Grobbleche aus Dillingen finden weltweit Einsatz. So etwa auch im 2.460 Meter langen Viaduc de Millau in Südfrankreich oder in den futuristisch anmutenden Dachkonstruktionen der Allianz-Arena in München und des neuen Olympiastadions in Athen.

Die beiden genannten großen Unternehmen der saarländischen Stahlindustrie stehen nach den kritischen Jahren in der saarländischen Stahllandschaft heute wieder ausgezeichnet da. Kohle und Stahl haben das industrielle Geschehen des kleinen Landes und seine Menschen im Südwesten der Republik geprägt. Die Stahlhütten mit ihren markanten Silhouetten kennzeichnen noch immer die Standorte. Mit derzeit rund 11.000 Mitarbeitern zählt die saarländische Stahlindustrie neben dem Automobilbau und dem Auto-Zulieferer-Bereich zu den wichtigsten industriellen Arbeitgebern im Lande. Und mit jährlich rund 600 Auszubildenden zu den größten Ausbildungsbetrieben im Land.

Stabile Stütze.

Trotz des Strukturwandels präsentieren sich Dillinger Hütte und Saarstahl mit einem Produktionsvolumen von gut 4,5 Millionen Tonnen aktuell - nicht zuletzt auch befördert vom anhaltenden globalen Stahlboom - als eine dauerhaft stabile Stütze der Saarwirtschaft, sowohl bei Beschäftigtenzahl als auch als Wachstumsbeitrag zum Bruttosozialprodukt des Landes. Beide Unternehmen, die gegenseitig miteinander verflochten sind, haben sich mit der Konzentration auf höherwertige Produkte, ausgewählte Nischen sowie mit permanenter Forschung und Entwicklung ihren Platz am globalen Stahlmarkt erkämpft.

Die Dillinger Hütte, die 1685 gegründet wurde, ist weltweiter Spezialist für Grobbleche bis zu einer Dicke von 40 Zentimetern und in 2.000 Güten, von denen die meisten in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Saarstahl wiederum hat sich als Drahtspezialist einen Namen gemacht und gilt weltweit als einer der wichtigen Langproduktehersteller und Schmiedespezialisten. Auch 2006 liefen die Geschäfte beider Hersteller gut, die Auslastung lag an der Kapazitätsgrenze. Indes: Die globale Stahlwelt ändert sich in atemberaubendem Tempo, zumal die Entstehung des weltgrößten Stahlkonzerns Arcelor Mittal im benachbarten Luxemburg die Karten neu gemischt hat. Arcelor Mittal hält übrigens 51,25 Prozent via Holding DHS - Dillinger Hütte Saarstahl AG an der Dillinger Hütte. Der indische Unternehmer und Multimilliardär Lakshmi Mittal spielt also künftig auch an der Saar eine Rolle. Wie intensiv, weiß bis heute aber noch niemand.

"Die Saarhütten haben einen natürlichen Nachteil: Sie sind ein Inlands-Standort. Erz und Kokskohle müssen über Rhein, Mosel und Saar herangekarrt werden. Das kostet Geld. Hinzu kommen die hohen Energiepreise in Deutschland. Zudem müssen wir die neuen Stahlländer und vor allem China genau im Auge behalten. Eine Insel der Seligen sind wir hier auch nicht", sagt Roland Kratt, Geschäftsführer des Saar-Hüttenverbandes.

Kosten und Prozesse stehen natürlich ständig auf dem Prüfstand. Daher laufen bei beiden großen saarländischen Stahlunternehmen derzeit Ergebnis-Verbesserungsprogramme zur Steigerung der Ertragskraft. An den beiden Standorten Dillingen und Völklingen werden jährlich rund 130 Millionen Euro investiert: in die Modernisierung der Anlagen, in neue Technologien und in die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Wenn von der saarländischen Stahlindustrie die Rede ist, sollte auch ein dritter Stahlproduzent nicht vergessen werden. Im saarländischen Bous arbeitet die Stahlwerke Bous GmbH. Das Elektrostahlwerk produziert jährlich rund 330.000 Tonnen Stahlblöcke in 800 Güten als Vormaterial für Rohre und Ringwalzwerke. Der Stahlunternehmer Jürgen Großmann hatte das Stahlwerk 1998 von Mannesmann übernommen, das am Standort Bous nach über 100 Jahren die Rohrproduktion einstellte. Das hochmoderne Werk, 2005 mit 10 Millionen Euro erweitert, sichert zusätzlich gut 300 Arbeitsplätze in der saarländischen Stahlbranche.

VON UDO RAU.

Wirtschaftsredakteur bei der Saarbrücker Zeitung, Saarbrücken

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2007, Nr. 26, S. B8)
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